Am 7.1. 2005 wurde die Polizei um 8.50 Uhr in die Dessauer Innenstadt gerufen, wo der Flüchtling Oury Jalloh aus Sierra Leone Guinea „Frauen am Arbeitsplatz“ „belästigt“ haben soll. Da der 21-Jährige sich weigerte, seine Papiere vorzuzeigen, wurde er in „Schutzhaft“ genommen und anschließend von den Beamten in eine Gewahrsamszelle des Polizeireviers Wolfgangstraße gebracht. Vier Stunden später war er tot.

Quelle: Attac

Oury Jalloh verbrannte in seiner Zelle, mit Armen und Beinen an eine Pritsche fixiert. Bis zu sechs Minuten muss sein qualvoller Kampf mit den Flammen gedauert haben, doch niemand kam ihm zur Hilfe. Niemand kann sich erklären, wie das Feuer in Jallohs Zelle ausgebrochen ist. Kann ein angetrunkener Mann, der gefesselt ist und vorher durchsucht wurde, ein Feuerzeug einschmuggeln, die schwer entflammbare Matratze aufreissen und entzünden? Wieso sollte er dies überhaupt tun? Bevor es zu dem tragischen Tod von Jalloh kam, war Jallow laut Staatsanwaltschaft schon wieder normal ansprechbar. Ein Indiz dafür, dass der Mann nicht mehr so Volltrunken war, das er auf die Idee kommen könnte, sich selbst in Brand zu stecken.

Der an diesem Tag zuständige Dienstgruppenleiter Andreas S. wurde nach dem aufkommenden Druck von Presse und Bevölkerung bis auf weiteres suspendiert. Im Jahre 2002 starb Mario Bichtemann mit einem Schädelbruch in der Dessauer Polizeizelle, ebenfalls in der Obhut von Andreas S., die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt. Andreas S. wird im Fall Jallow vorgeworfen, die Hilfeschreie des Afrikaners ignoriert zu haben. Die Zelle und sein Dienstbüro waren durch eine Sprechanlage miteinander verbunden, die Andreas S. mehrmals leiser stellte, um die störenden Schreie nicht weiter hören zu müssen. Danach stellte er zwei Mal den Feueralarm ab, wie seine Sekretärin bezeugen kann. Erst beim dritten Alarm ging er los, jedoch nicht zur Zelle, sondern erst mal einen Kollegen holen. Der Süddeutschen Zeitung sagte Andreas S. Anwalt, "Dessau ist Brennpunkt und Schmelztiegel der Region, auch im Betäubungsmittelbereich, und der wird dominiert von farbigen Ausländern. (...) Schon der zeitliche Ablauf spricht gegen eine Verantwortung des Herrn S." .

Allein in diesem Fall die Formulierungen Brennpunkt und Schmelztiegel zu verwenden, ist geschmacklos, doch noch viel schlimmer ist das Verhalten der Ermittlungsbehörden. Zuerst wurde der Bevölkerung gemeldet, das ein Asylbewerber Frauen belästigte und sich danach in seiner Zelle umgebracht hat. Erst auf Drängen von PDS-Politikern und antirassistischen Gruppierungen stellten die Behörden die Geschichte klar - ganze sechs Wochen nach dem Tod Oury Jallohs. Eine zweite Obduktion wurde zuerst von der Staatsanwaltschaft abgelehnt und musste durch Freunde erzwungen werden. Das überraschende Resultat, Oury Jalloh hatte ein frisch gebrochenes Nasenbein. Eine Nebenklage der Eltern wird seit Monaten von der zuständigen Kammer abgelehnt. Es wird nicht der Anschein erweckt, dass die zuständigen Behörden wirklich erfahren wollen, was am 7. Januar geschehen ist, sondern lieber darauf hoffen, dass die Beobachter irgendwann das Interesse an dem Unbekannten aus Guinea verlieren.

Um so mehr muss die Geschichte von Oury Jalloh erzählt werden - es darf kein Vergessen geben.